



Der Mai markierte für mich den Übergang vom warmen Sommer in den Winter. Während die vergangenen Monate von Regen, Gewittern und intensiver Gartenarbeit geprägt waren, änderte sich nun das gesamte Erscheinungsbild des Valleys. Die Temperaturen sanken deutlich, die Nächte wurden kalt und die ersten schneebedeckten Berggipfel waren bereits von unserem Dorf aus sichtbar. Von vielen Menschen vor Ort wurde uns erzählt, dass es vermutlich nicht mehr lange dauern würde, bis auch im Malealea Valley der erste Schnee fallen würde.
Die erste Woche stand deshalb ganz im Zeichen der Kälte. Radik und ich mussten uns zunächst an die neuen Bedingungen gewöhnen. Da die Temperaturen besonders morgens und abends unangenehm wurden, griffen wir zunächst zu einer eher traditionellen Lösung: Feuer. Regelmäßig befeuerten wir unseren Grill mit Holz, um uns nach der Arbeit aufzuwärmen. Gerade nach den heißen Sommermonaten war es ungewohnt, plötzlich mehrere Schichten Kleidung tragen zu müssen.

Interessanterweise zeigte sich die Natur gleichzeitig von einer ganz anderen Seite. Während die Temperaturen sanken, begannen überall im Valley die Aloepflanzen zu blühen. Die leuchtend roten und orangefarbenen Blüten färbten die Berghänge und sorgten für einen starken Kontrast zur kühlen Winterlandschaft. Die Blütezeit fällt bewusst in die trockenen Wintermonate, da viele Vögel und Insekten in dieser Zeit auf die nektarreichen Blüten als wichtige Nahrungsquelle angewiesen sind. Besonders für Nektarfresser stellen die Aloen während der kalten Jahreszeit eine der wichtigsten Ressourcen dar.




Arbeitsmäßig konzentrierte ich mich in dieser Woche vor allem auf die Weiterverarbeitung des Bienenwachses. Ziel war es, aus dem gesammelten Wachs Kerzen herzustellen. Bei mehreren Besuchen in Maseru suchte ich nach geeigneten Dochten, hatte dabei jedoch zunächst wenig Erfolg. Trotz dieser Schwierigkeiten arbeitete ich weiter an der Reinigung und Aufbereitung des Wachses, um es für die spätere Verarbeitung vorzubereiten.
In der zweiten Woche beschlossen Radik und ich schließlich, einen elektrischen Heizkörper anzuschaffen. Nach den ersten kalten Nächten war dies eine der besten Investitionen seit unserer Ankunft in Lesotho. Die Wohnung wurde deutlich angenehmer, und zum ersten Mal mussten wir nicht mehr ausschließlich auf zusätzliche Kleidung oder zurückgreifen.


Zusammen mit Kompi transportierten wir die letzten Kürbisse aus dem Garten zum Büro. Von dort sollten sie später gemeinsam mit dem MDT an Waisenkinder und bedürftige Familien verteilt werden. Es war ein schönes Gefühl zu sehen, dass die Erträge aus dem Garten auch Monate nach der Pflanzung noch einen direkten Nutzen für die Gemeinde hatten.
Die dritte Woche nutzten wir bewusst etwas ruhiger und nahmen uns Zeit, das Valley besser kennenzulernen. Gemeinsam mit Kompi und Dicksie unternahmen wir mehrere längere Wanderungen in abgelegene Bereiche der Umgebung. Dabei stiegen wir bis zum tiefsten Punkt des Valleys hinab und besuchten Dörfer, die wir zuvor noch nie gesehen hatten.

Besonders beeindruckend waren die Flüsse und Felsformationen der Region. Über Jahrtausende hinweg hatte das Wasser tiefe Spuren im Sandstein hinterlassen und eindrucksvolle Landschaften geformt. Wir besuchten mehrere Wasserfälle, an denen das Wasser über hohe Basaltformationen hinabstürzte. Trotz der niedrigen Temperaturen standen Radik und ich zeitweise mit beiden Beinen im kalten Flusswasser, was bei vielen Menschen vor Ort für Verwunderung sorgte. Die Begegnungen mit den Bewohnern der abgelegenen Dörfer waren wie so oft herzlich und von großer Neugier geprägt.




In der letzten Woche wurde ich erneut von der Malealea Lodge um Hilfe bei einem vermeintlichen Wildbienennest gebeten, das sich im Dach eines Gebäudes befinden sollte. Vor Ort stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich nicht um ein dauerhaftes Nest handelte, sondern um einen Bienenschwarm. Vermutlich hatte die Kolonie ihr ursprüngliches Zuhause nach einem Gewitter verlassen und suchte nun einen neuen Nistplatz.
Um den Schwarm einzufangen, musste ich auf das Strohdach des Gebäudes klettern. Die Arbeit war nicht ganz einfach, da die Dachkonstruktion nur wenige Möglichkeiten bot, sich sicher festzuhalten. Nachdem ich das Dach erreicht hatte, entdeckte ich die Königin beinahe sofort und bereitete mich darauf vor, sie mit einer Queenclip zu sichern. Noch bevor ich reagieren konnte, verschwand sie jedoch zwischen den Bienen.
Erst nachdem ich wieder vom Dach heruntergestiegen war, bemerkte ich, was passiert war: Ein großer Teil des Schwarms hatte sich auf meinem Schleier niedergelassen. Vorsichtig entfernte ich den Schleier und konnte die gesamte Kolonie schließlich in eine Transportbox überführen. Die Aktion verlief deutlich unkomplizierter als zunächst erwartet und stellte einen gelungenen Abschluss des Monats dar.



Rückblickend war der Mai ein eher ruhiger Monat, der trotzdem viel Spaß gemacht hat. Durch den Winter hat sich das Leben im Valley deutlich verändert. Die kalten Nächte und die schneebedeckten Berge waren ein völlig neuer Anblick, während die blühenden Aloen gleichzeitig überall Farbe in die Landschaft brachten. Ich konnte viele bereits begonnene Projekte in Ruhe weiterführen, weitere Bienenvölker umsiedeln und hatte endlich auch die Zeit, gemeinsam mit Radik, Kompi und Dicksie mehr von der beeindruckenden Landschaft Lesothos zu entdecken.







