Out of Africa…

Out of Africa…

Schon ein Monat ist vergangen, seitdem ich mich mal wieder auf meine Reise ins Abenteuer Afrika  begeben habe. Für die ersten Tage jedoch nicht ins gewohnte Lesotho, sondern zusammen mit einem Freund nach Kapstadt. Kapstadt… eine Stadt mit so vielen Facetten wie ihre Bewohner… so wunderschön und hässlich… Eine Stadt, in der zwei Welten aufeinanderprallen, in der Arm und Reich so dicht beieinander liegt, parallel existieren, als lägen tausende Kilometer zwischen beidem und doch stetig kollidieren und kollaborieren. Eine Stadt die fasziniert.

Zurück in meiner mittlerweile zweiten Heimat Lesotho begann direkt wieder der Schulalltag. Am Morgen des 25. Januar sah ich zum ersten mal das, was ich im Oktober, ja bis vor wenigen Augenblicken, niemals gewagt hätte mir so vorzustellen: Den Schulgarten. Beziehungsweise den fein säuberlich bestellten und von hunderten Händen gehegten Traum eines Schulgartens. Überall wuchsen von Mais über Kürbis, Bohnen und Spinat bis hin zu Wassermelonen unterschiedlichste Gemüse- und Obstsorten. Und all das gepflegt von den elf bis 14-jährigen Schülern über die gesamten Sommerferien ohne jeglichen Zwang oder Aufsicht. So haben die Schüler eigenständig einen Arbeitsplan für die einzelnen Tage samt Schichten erstellt. Dieser Moment hat mich einfach nur unheimlich stolz auf „meine“ kleinen Gärtner gemacht.

Es war und ist immer noch einfach wunderschön an der Kingsgate Primary School sein zu dürfen.  Am Morgen Unterricht in der dritten bis siebten Klasse und am frühen Nachmittag die Arbeit im Garten (92 Schüler) oder mit der Deutsch-AG mit derzeit 10 Schülern. Nach der Schule habe ich mir dann wie schon die ersten Monate über die Zeit vertrieben. So vergingen die letzten Wochen wirklich wie im Fluge.
Dazu beigetragen hat auch der Besuch von zwei guten Freunden und ehemaligen Klassenkameraden vom 11. bis 19. Februar. Es war wirklich eine wahnsinnig lustige, erlebnisreiche und einfach coole Woche. Zwar hat es ständig geregnet, jedoch waren wir trotzdem in Thaba Bosiu, in der Umgebung wandern, auf Rennpferden ohne Sattel reiten, selbstverständlich in der Schule und im Garten und den herrlichen Geschmack des ganzen Stolzes Lesothos, Maluti, ausgiebig genießen.

Allgemein regnet es in letzter Zeit ziemlich viel… So wirkt es doch so, als sei Lesotho doch ein paar Jahre zu lange Kronkolonie des Britischen Empires gewesen und es hätte sich nicht nur das Frühstück mit Baked Beans, Sausages und Scrumbled Egg eingebürgert, sondern auch das für seine strahlend blauen Sommerhimmel bekannte englische Wetter etabliert. Ich sitze in Wollpulli,  -socken und langer Jogginghose und friere mir den A**** ab. Das zum Thema Sommer in Afrika. Aber man ist ja bekanntlich immer über das Wetter am meckern… 35 Grad und Sonnenschein… „ Es ist viel zu heiß…“.  22 Grad und tagelang Regen… „Es ist zu kalt und nass“. So will ich mich mal nicht weiter beschweren, denn im allgemeinen bin ich doch recht erfolgreich aus dem endenden deutschen Spätsommer im Oktober in den afrikanischen Sommer vor der klirrenden Kälte geflüchtet. Und passend werde ich dann zum Winterbeginn im Juli zurück in den Sommer zurückkehren. „Fast 12 Monate dauerhaft Sommer… Läuft bei mir“, hätte ich da wohl vor 3 Jahren noch sagen können und wäre laut Langenscheidt im perfekten Jugendslang unterwegs gewesen.
Doch nun bin ich ja nicht mehr berechtigt, mit Jugendwörtern um mich zuschmeißen, zumindest nach der Einschätzung der Schüler, wie alt „Sir Leif“ ist: 24-26. Meine Versuche, mein Alter (19) richtig zu stellen werden jedoch regelmäßig im Keime erstickt, mit der Begründung, dass ihre älteren Geschwister ja schon 20+ seien.
So gebe ich mich schließlich geschlagen und gestehe ein, doch 24 zu sein und das sowohl mein Geburtsdatum auf Führerschein, Reisepass und Personalausweis falsch seien, was mit einem breiten, triumphalen Grinsen von Hlaks und Moeletsi als eine akzeptable Antwort abgenickt wird. Währenddessen versucht eine Gruppe um Mpiti und Mahali gefühlt sämtliche meiner Kontakte über Whatsapp anzurufen, um mit ihnen die deutschen Sätze auszutauschen die sie in einer Vertretungsstunde mit mir gelernt haben. Nach dem Verlust des Interesses wird sich dann nach wenigen Minuten meinen Fotos zugewandt und jedes Bild, egal ob es sich um ein Softeis oder atemberaubende Aufnahme aus dem Flugzeug handelt, mit einem inbrünstigen „Oh“ und „Ah“ kommentiert oder Candycrush, etc. gespielt. Und das ist das, was ich so außer gärtnern im Garten  tue. Mein Alter versuchen zu rechtfertigen und mein Handy im Blick behalten. Doch genau das ist es, was mir im Garten so gut gefällt: Den Sir ablegen zu können und nicht mehr mit einer gewissen Distanz, die während des Unterrichts existiert, mit den Schülern sprechen, spaßen und entspannt arbeiten zu können.

Montagmorgen, 10 Uhr, Kingsgate Primary School, Hospital Area, 900 Mafeteng: „Injection-Day“
Es geht los. Drei weiße Landcruiser und ein Minibus, alle mit getönten Scheiben, fahren auf dem Pausenhof vor. Heulende Kinder rennen mit angsterfüllten Gesichtern über das Gelände.
Zu viele Eltern, als das es noch normal wäre, schwirren laut schnatternd von Klassenzimmer zu Klassenzimmer durcheinander, suchen ihre Schützlinge. Die Lehrer wirken angespannt; brechen abrupt den Unterricht ab; Mateboho Masiu enteignet gerade drei Lehrer verteilt auf zwei Gebäude ihrer Klassenzimmer. Die Schüler packen ihre sieben Sachen und werden auf andere Klassen verteilt. Alle haben eines gemeinsam – ob Mutter, Vater, älterer Bruder oder fast jeder Schüler – sie tragen ein kleines gelbes Büchlein oder „Bukana“ mit sich umher.
Auf der Seite der drei Wagen erkenne ich schemenhaft ein blaues Logo.
9 Männer und Frauen mit großen Kühlboxen steigen aus den Fahrzeugen. Sie wirken ausdruckslos, ja gesichtslos, so, wie ich mir die grauen Herren in Michael Endes „Momo“ mir vorgestellt habe. Einziger Unterschied: sie tragen weiß. Doch dann tritt Mateboho auf sie zu. Freundliche Begrüßungen auf Sesotho werden ausgetauscht. Ich glaube, ein kurzes Lächeln erahnen zu können. Einen Wimpernschlag später schon wieder erloschen.
Sie verteilen sich auf die freigeräumten Klassenzimmer, kehren zu ihren Wagen zurück. Noch mehr Kisten werden in die Klassenzimmer geschleppt. Eine Wagentür fällt laut ins Schloss. Und da steht es in großen Lettern unter dem blauen Globus mit Lorbeerkranz und Schlange: „World Health Organization“.
Selbiges Logo prankt auf den hunderten gelben Bukanas.
Und da erinnere ich mich an die Aussage der Nonnen im CTC, als sie mir die Nachrichten letzte Woche übersetzt haben. Es sind landesweit an allen Schulen Masern- und Polioimpfungen angekündigt. Unter Leitung der WHO und Unterstützung der Königin Masenate Seeiso von Lesotho zur direkten Bekämpfung einer gefürchteten Epidemie, nach dem Auftreten erster Fälle.
Diese Impfungen, so wurde mir gesagt, sind Pflicht. Wer sich nicht in der Schule impfen lässt, muss dies im Krankenhaus machen lassen. Und sie sind kostenlos, im Gegensatz zu jeder anderen medizinischen Behandlung in Lesotho und Südafrika, die immer direkt bezahlt werden muss. Ein Krankenversicherungssystem, wie wir es aus Deutschland oder der restlichen EU kennen, existiert nicht.
Nachdem sich die Ärzte und Schwestern ihre Klassenzimmer eingerichtet hatten, wurde von der Vorschule aufwärts klassenweise durchgeimpft. Für jeden Schüler wurde, für Lesotho leider nicht immer selbstverständlich, eine neue sterile Spritze verwendet, die danach direkt in einem versiegelten und mit „biological hazard“ gekennzeichneten Mülleimer entsorgt wurde.
Derweil war ich damit beschäftigt, die geimpften Kinder am Fingernagel mit einem extra Stift zu markieren, der solange halten soll, bis die Impfkampagne komplett abgeschlossen ist.

Wie sich herausgestellt hat, liege ich mit meinem ersten Eindruck der Ärzte und Schwestern völlig falsch. Denn diese Männer und Frauen stehlen keineswegs Zeit, so wie es die grauen Herren getan haben, sondern sie schenken Zeit. Zeit, die Kinder damit verbringen können, mit ihren Freunden zu spielen, zu lernen und ihr Leben zu leben, anstatt schwer krank zu sein.

Dieser Tag hat mich wahnsinnig beeindruckt. Während wir in Deutschland den Luxus leben können, über die Sinnhaftigkeit  oder Sinnlosigkeit von Impfungen zu sinnieren, leiden anderswo auf der Welt noch immer Kinder ihr Leben lang an Krankheiten, die eigentlich nicht mehr existieren müssten.  In den letzten Jahren ist unter der Federführung der Königin nicht nur die Gesundheitsversorgung und Impfversorgung deutlich verbessert worden. Auch die Anzahl der HIV-Neuinfektionen ist seit 2005, 4 Jahre nach der Hochzeit mit König Letsie III. und dem Beginn ihrer Tätigkeiten, stetig rückläufig. (2005: 30.000 Neuinfektionen; 2015: 18.000 Neuinfektionen (UN-AIDS-Report 2014/15/16)). Zwar sind die Zahlen immer noch die zweithöchsten weltweit, gemessen an der Bevölkerungszahl, jedoch zeichnet sich doch ein deutlicher Trend ab. Man merkt an so vielen Orten, dass alles dafür gegeben wird, HIV und andere Krankheiten den Kampf anzusagen: Auf dem Flughafenklo (Gratiskondome), Impfkampagnen, Aufklärungsprogramme der WHO, des US-Peacecorps und der Regierung und stetige Werbekampagnen im Staatsfernsehen.
Auf der anderen Seite des Globus, der reichen Seite, brechen erst vor kurzem wieder Masern im großen Rahmen in Berlin aus, da sich Eltern aus ideologischen Gründen weigern, ihre Kinder zu impfen und somit auch das Leben der Kinder gefährden, die nicht geimpft werden können. Aber das ist wohl ein sogenanntes „first world problem“.

Mit diesen verschiedensten Eindrücken out of Africa möchte ich mich nach einem weiteren Monat Abenteuer Lesotho mal wieder melden.  Mit Schuld an der langen Stille war auch der Ausfall des Internets an der Kingsgate Primary für einige Wochen, über welches ich meine Blogs gewöhnlich hochlade.

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