Zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Moderne

Zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Moderne

Lesotho ist ein Land, das wie nur wenige zwischen eigener Tradition und westlichem Einfluss gefangen ist. So wird in den Städten wie Mafeteng und Maseru ganz à la États-Unis gelebt. Fast jeder hat ein Smartphone, selbst die älteren Schüler an der Kingsgate Primary School haben eines. So scheint es auf uns etwas merkwürdig wirken, auf fließend Wasser im Haus ohne Probleme verzichten zu können aber nicht ohne sein Smartphone leben zu wollen. Doch diese Frage löst sich direkt in Luft auf, sobald man sich vor Augen führt, dass das Handy die einzige Quelle zu schnellen Informationen von überall ist neben dem Fernseher, den hier in den Städten auch jeder besitzt. Und somit öffnen Handy und Fernseher das Fenster in die digitale, weite Welt.

Auf dem Land, Stunden entfernt von den Städten und dem Ballungsraum in der Ebene sieht es ganz anders aus. Die Dörfer und einzelnen Hirtenhütten sind umgeben von Dreitausendern, nur zu erreichen mit Pferd, Esel oder zu Fuß. Wenige von ihnen liegen in der Nähe der asphaltierten Nationalstraßen (im Zustand wie dt. Landstraßen), die seit einigen Jahren sternförmig von Maseru aus mit Internationalen Hilfsgeldern errichtet werden. Eine große Rolle spielte hier auch die USA,welche rund 50% der Gelder in den letzten Jahren stellte. Auch aus diesem Grund war in den letzten Wochen die Begeisterung über den neuen Präsidenten in den USA eher „verhalten“, nachdem Trump verkündet hat, dass „alle (afrikanischen) Regierungen korrupt“ seien und er deshalb die Entwicklungshilfen überdenken wolle, da er sich fragt, wie viel von dem Geld tatsächlich ankommt. („heute“: 22.01.2017)
Zwar ist die Korruption ein nicht zu vernachlässigendes Thema, jedoch sieht man hier in Lesotho, wie die Bevölkerung tatsächlich von den internationalen Geldern profitiert, nachdem ihr Dorf an das Strom- oder Fernstraßennetz angeschlossen wurde, welches ohne Fördermittel nicht hätte realisiert werden können.

Hier in den Bergen träumen die Menschen jedoch in weiten Teilen immer noch von fließend Wasser oder Strom oder gar dem Straßenanschluss. Der Anschluss an die restliche Welt via Handy oder Fernseher ist hier nicht gegeben. So sprechen die Bauern und Hirten größtenteils kein Englisch, wie im restlichen Teil des Landes eigentlich üblich, da sie entweder nie eine Schule besuchen konnten oder dort nur auf Sesotho unterrichtet wurden.

Welche Konraste hier in Lesohto existieren ist mir erst in den letzten Woche so richtig bewusst geworden. Und zwar auf dem Lehrerausflug in den Himmel des Königreichs des Himmels, nach Semongkong, den Ort des Rauches.
Unsere Reise begann an einem sonnigen Samstag um 7 Uhr morgens an der Kingsgate. Grillutensilien, Papa und Chakkalaka, Bierkästen und 14 gut gelaunte Lehrer wurden in das schon bereitstehende angemietete Minibustaxi verfrachtet und los ging die 4-stündige Autofahrt von Mafeteng auf 1800 Metern in der Tiefebene ab in die Berge bis auf über 3000 Meter. Unsere Fahrt führte uns nach Maseru durch unberührte Flusstäler, vorbei an traditionellen Dörfern und über steile Gebirgspässe, die wir hinter LKW’s mit 20 km/h hochkrochen. Dank des Schiebedaches konnte ich diese atemberaubende Landschaft genießen, während sie an uns vorbei zog. Wir fuhren tief ins Landesinnere, dorthin, wo es kein fließend Wasser oder Strom gibt. Tief hinein in die Berge. Vorbei an lachenden Kindern und Hirtenjungen, die winkend an der Straße standen, sobald sie unsere Reisegruppe sahen.

Und plötzlich tauchte er hinter einer Kurve auf… Einer der wohl schönsten Orte, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Eine atemberaubende Schlucht rund um den Maletsunyane Fall.
Ich setze mich auf einen Stein in der Nähe des dröhnenden Abgrundes. 5 Meter vor mir geht es 200 Meter in die Tiefe. Neben mir stillschweigend die Anderen. Die Schwalben, vertieft in ihren Luftkampf mit den Mücken, Fliegen und Co. schießen über unsere Köpfe hinweg. Die schwarzen Kampfpiloten der Natur donnern so nahe über uns hinweg, dass ich den Luftzug im Nacken fühle.
Auf meiner Haut spüre ich die winzig kleinen Wassertropfen, die aus der Tiefe empor steigen und mein Gesicht benetzen. Möchte in diesem Moment nirgendwo anders sein und das Paradies auf Erden auch nie mehr verlassen. Nichts außer dem niemals endenden Rauschen und der Schrei der einen oder anderen Schwalbe ist zu vernehmen. So sitze ich einfach nur da und bekomme nichts mit. Ich komme mir vor wie in einer Blase, in der mich niemand erreichen kann. 10, 20, 60 Minuten…. Die Zeit rennt weiter, ohne dass ich etwas davon mitbekomme.
Dann fange ich langsam an zu realisieren, dass ich vielleicht noch ein paar Bilder machen sollte, selbst wenn diese niemals die gesamte Schönheit dieses Ortes komplett einfangen könnten.

Freitag, der 10.03.. 5 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Ich sitze kerzengerade im Bett. Bin hellwach. Eine dreiviertel Stunde später bin ich, eigentlich eine Stunde zu früh, genauso wie die meisten Schüler und Lehrer schon an der Schule. Doch anstatt der Schüler sehe ich Hirtenjungen, gehüllt in die traditionellen Decken, Mädchen mit außergewöhnlichen Röcken aus weißen Straußenfedern und auch so mancher Junge und so manches Mädchen in der Kleidung der San und der Basotho, wie sie vor der Kolonisierung getragen wurde. Hier und da aber auch einen meiner Schüler, rußverschmiert mit Bergarbeiteruniform ihrer Väter, die in den Minen Südafrikas tätig sind oder es während der Apartheid waren. Es ist Cultural Day zu ehren des Todestages des ersten Königs der Basotho und Vater des gesamten Volkes Morena Moshoeshoe I..
Der Cultural Day wird an der Kingsgate Primary School immer am Freitag vor dem 11.3. gefeiert.
Die letzten Proben für die großen Feierlichkeiten ab 10 Uhr laufen auf Hochtouren. Jeder Schüler hat die letzten Wochen zusammen mit seinen Mitschülern in Kleingruppen für diesen einen Tag im Jahr geprobt. Streng geheim versteht sich. Niemand durfte wissen, wie die Vorbereitungen laufen außer den betreuenden Lehrern.
Dann beginnen die ersten Aufführungen und ich bin, genauso wie Schüler, Eltern und Lehrer einfach nur beeindruckt, was die Schüler auf die Beine gestellt haben.

Wenige Minuten später finde ich mich auch schon in eine Wolldecke mit traditionellen blauen Mustern eingehüllt wieder und bekomme von Schülern einen Mokorotlo, den traditionelle Strohhut der Basotho, aufgesetzt.

Während einige Mädchen der 7. Klässler den traditionellen Tanz aufführen, kam plötzlich Sello zu mir, nahm mir meine Kamera und Handy ab, gab sie den Lehrern, die neben mir standen und sagte, ich solle doch bitte mitkommen.

Kurz darauf war ich schon in ein Antilopenfell gehüllt inmitten der älteren Jungs. Sello drückte mir noch einen Stock in die Hand und dann ging es mit mir in ihrer Mitte schon los.
Aufgeführt wurde ein ganz besonderer Tanz, wie mir später erklärt wurde, von dem ich, trotz meiner unerwarteten Teilhabe, bis auf wenige Sekunden vor der Aufführung nichts wusste.
Der rituelle Gesang und Tanz wurde und wird von den Basothojungen aufgeführt, die eine sogenannte „traditional School“ besucht haben, wenn sie nach Hause zurückkehren. Diese Schulen, die auf Tafelbergen oder in entlegenen Tälern stattfinden, weit entfernt von jeglicher Zivilisation, dauern ganze 6 Monate. In dieser Zeit leben sie getrennt von ihrer Familie nur mit ihren Mitschülern und Lehrern und lernen, ein guter Beschützer ihrer Familie und ihres Dorfes zu werden. Jedoch weiß niemand, der nicht eine solche Schule besucht hat, was genau dort passiert, denn man trägt dieses Geheimnis mit ins Grab. Jeder außenstehende, der sich trotz des ausdrücklichen Verbotes, das für jeden gilt, nähert, wird bis zum Ende des Schuljahres festgehalten und somit ein Teil der Gemeinschaft.
Doch die eigentliche Bedeutung des Tanzes ist, dass die Jungen mit dieser Zeremonie als ein vollwertiges Mitglied im Volke der Basotho aufgenommen wird. So wurde ich am Gedenktag zum Tode von Moshoeshoe I., dem Gründervater des Volkes des Königreichs im Himmel, zu einem Teil der Basotho, wenn auch nur symbolisch. Das war für mich bisher der bewegendste Augenblick in Lesotho und ich kann diesen Moment immer noch nicht in Worte fassen.

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